Selbst geschrieben. Wirklich.
„Krass, was KI alles kann.“ Das sagte jemand aus meinem engsten Umfeld, als ich ihm ein Fachbuch von mir zu lesen gab. Nicht: „Krass, das hast du geschrieben?“ Sondern: „Das muss der Christoph mit KI geschrieben haben. Wie sonst hätte er das sonst neben seinem Job schaffen sollen?“ Das hat wehgetan.
Schreiben, Musik komponieren und Wissen vermitteln – das sind meine Talente. Ich kann davon leben. Bis heute. Aber ich stelle mir inzwischen täglich die Frage: Wie lange noch? Was bleibt von mir, wenn Tech-Unternehmen diese Talente imitieren – und dann automatisieren? Ich bin fasziniert von KI, sage aber auch: KI entwertet gerade flächendeckend, worauf wir als Menschen früher stolz waren.
Die Zeit, die wir opfern mussten, um etwas zu schreiben – und sei es nur die WhatsApp-Nachricht an den verhassten Nachbarn –, war Teil des Werts. Dass jemand gerungen hat. Sich Gedanken machte. Nachts noch am Text saß.
Wir haben das Vertrauen verloren, dass andere eine schwierige Aufgabe noch ohne KI meistern können. Beispiel gefällig? Bei einem übersichtlich strukturierten Text denkt sofort jeder: „Das ist doch KI. In dem Newsletter-Text vom Seidl habe ich diese langen Bindestriche entdeckt. Da hat der sicher geprompted, der Faulpelz!”
Die hysterische Debatte um diesen Gedankenstrich – angeblich der ultimative KI-Indikator. Was für ein Blödsinn. KI-Systeme nutzen dieses Zeichen vor allem aus einem Grund: Weil sie Menschen länger im Text halten wollen.
KI kann inzwischen so vieles besser als wir. Leider. Und trotzdem: Wenn mein Name unter einem Text steht (so wie unter diesem Newsletter), dann habe ich ihn selbst geschrieben. Zwar langsamer. Aber zumindest war ICH es, kein Roboter.
Auch WhatsApp-Nachrichten tippe ich selbst. Überlege mir den Inhalt genau, achte auf die Rechtschreibung. Bei mir gibt es kein schnelles Einsprechen, das eine KI im Zweifel nur mäßig in Worte übersetzt. Weil ich meinem Gegenüber zeigen will: Du bist es mir wert. Vielleicht müssen wir uns im Journalismus genau dies fragen.
Nicht bloß: „Was können wir alles mit KI machen?“ Sondern: „Was machen wir bewusst nicht mit KI?“
Womöglich entsteht genau dort wieder ein Wert, den wir nicht automatisieren können.
Christoph Seidl, freier Seminarleiter ABP


