Der Girlitz im Text
Neulich saß ich auf einer Terrasse mit Blick aufs Ionische Meer vor Korfu. Vor mir glitzerte das Wasser, hinter mir raschelten die Olivenhaine. Eigentlich perfekte Bedingungen, um an meiner Recherche zu marinen Mikro-Organismen zu arbeiten.
Eigentlich. Denn irgendwo zwischen den Olivenbäumen saß ein Girlitz. Und zwitscherte. Falls Sie noch nie einen Girlitz gehört haben: Sein Gesang klingt wie eine rostige Schaukel. Zirrirrilit, zirrirrilit. Hoch, schnell, klirrend.
Anfangs nahm ich den Vogel kaum wahr. Sein Rufen mischte sich mit dem Klappern von Geschirr und dem leisen Stimmengewirr der Gäste. Doch je länger ich dort saß, desto mehr drängte sich sein Gesang in den Vordergrund. Irgendwann hörte ich nichts anderes mehr.
Das Meer war noch da. Die Olivenhaine auch. Aber meine Aufmerksamkeit hing an diesem einen Geräusch fest. Zirrirrilit, zirrirrilit.
Während ich auf das Wasser blickte, musste ich an meine Texte denken. Denn auch Texte haben ihre Girlitze. Die Zusatzinformation, die eigentlich nicht nötig wäre. Das hübsche Zitat, das man unbedingt unterbringen möchte. Die Statistik, die zwar interessant ist, aber den Lesefluss bremst.
In unseren Seminaren frage ich deshalb oft: Trägt diese Information den Text wirklich oder zwitschert da nur jemand laut dazwischen?
Das Weglassen fällt auch mir nicht immer leicht. Je aufwendiger eine Recherche war, desto schwerer trenne ich mich von manchen Details. Aus Erfahrung weiß ich aber: Oft sind gerade die Details, an denen ich besonders hänge, die lautesten Girlitze.
Der Girlitz auf Korfu verstummte übrigens nicht. Irgendwann gewöhnte ich mich aber an ihn. Das Meer rückte zurück in den Vordergrund, die Olivenhaine ebenso.
Bei Texten ist das anders. Was überflüssig ist, bleibt überflüssig – und lenkt weiter vom Wesentlichen ab. Unser Vorteil: Wir entscheiden, wer zwitschern darf.
In diesem Sinne
Ihre Anja Reiter, freie Seminarleiterin ABP


