Venedig, auf einer kleinen Brücke. Eine Gondel verschwindet gerade hinter einem Palazzo. Das Wasser kräuselt sich. Mein Sohn, 6 Jahre, schaut minutenlang hin. Dann sagt er: „Mama, das Wasser hat Gänsehaut.“
In diesem Moment bekomme ich auch eine. Aus Mutterstolz. Und weil mein Journalistenherz sagt: In diesem einen Satz steckt so viel, was gute Texte ausmacht. Vor allem: genau hinsehen.
Wer aufmerksam schaut und zuhört, riecht und fühlt, der entdeckt auch, was Sprache hergibt. Starke Bilder, Vergleiche, Metaphern. Und hört Zwischentöne. Fragt dann anders – neugieriger, direkter.
Kinder können das, wenn man sie lässt.
Erwachsene können das auch, wenn sie wollen – und üben. Weil sie es irgendwann verlernt haben, das Wahrnehmen.
Und damit beginnt guter Journalismus. Mit Aufmerksamkeit, Ruhe und Geduld.
Haben Sie Lust auf eine Trainingseinheit à la Gänsehaut? In unseren ABP-Kursen zum Kreativen Schreiben treiben wir gemeinsam Ihre Gedanken aus der Enge. Geduldig, mit System. Nach unseren Interview-Seminaren fordern Sie Ihr Gegenüber heraus, mit der nötigen Ruhe. Nach unseren Recherche-Workshops gehen Sie noch aufmerksamer auf die Suche nach Informationen.
In diesem Sinne wünsche ich uns Gänsehaut-Momente, endlos viele.
Frauke Bollmann, Seminarleiterin ABP
Neulich saß ich auf einer Terrasse mit Blick aufs Ionische Meer vor Korfu. Vor mir glitzerte das Wasser, hinter mir raschelten die Olivenhaine. Eigentlich perfekte Bedingungen, um an meiner Recherche zu marinen Mikro-Organismen zu arbeiten.
Eigentlich. Denn irgendwo zwischen den Olivenbäumen saß ein Girlitz. Und zwitscherte. Falls Sie noch nie einen Girlitz gehört haben: Sein Gesang klingt wie eine rostige Schaukel. Zirrirrilit, zirrirrilit. Hoch, schnell, klirrend.
Anfangs nahm ich den Vogel kaum wahr. Sein Rufen mischte sich mit dem Klappern von Geschirr und dem leisen Stimmengewirr der Gäste. Doch je länger ich dort saß, desto mehr drängte sich sein Gesang in den Vordergrund. Irgendwann hörte ich nichts anderes mehr.
Das Meer war noch da. Die Olivenhaine auch. Aber meine Aufmerksamkeit hing an diesem einen Geräusch fest. Zirrirrilit, zirrirrilit.
Während ich auf das Wasser blickte, musste ich an meine Texte denken. Denn auch Texte haben ihre Girlitze. Die Zusatzinformation, die eigentlich nicht nötig wäre. Das hübsche Zitat, das man unbedingt unterbringen möchte. Die Statistik, die zwar interessant ist, aber den Lesefluss bremst.
In unseren Seminaren frage ich deshalb oft: Trägt diese Information den Text wirklich oder zwitschert da nur jemand laut dazwischen?
Das Weglassen fällt auch mir nicht immer leicht. Je aufwendiger eine Recherche war, desto schwerer trenne ich mich von manchen Details. Aus Erfahrung weiß ich aber: Oft sind gerade die Details, an denen ich besonders hänge, die lautesten Girlitze.
Der Girlitz auf Korfu verstummte übrigens nicht. Irgendwann gewöhnte ich mich aber an ihn. Das Meer rückte zurück in den Vordergrund, die Olivenhaine ebenso.
Bei Texten ist das anders. Was überflüssig ist, bleibt überflüssig – und lenkt weiter vom Wesentlichen ab. Unser Vorteil: Wir entscheiden, wer zwitschern darf.
In diesem Sinne
Ihre Anja Reiter, freie Seminarleiterin ABP

Neulich kam ich mit dem Zug am Münchner Bahnhof an. Eilig schob ich mich durch die wartenden Menschen, als mein Blick auf die Werbetafel eines Coffeeshops fiel. Dort las ich:
„Alte Kaffee 1,60 Euro“.
Eigentlich ein guter Preis, dachte ich im ersten Moment. Und im zweiten: Igitt! Also guckte ich genau hin. Und sah, was dort in Wahrheit stand:
„Alle Kaffee 1,60 Euro“.
Für mich ist das ein schönes Beispiel dafür, was gute Geschichten leisten können. Sie wecken Neugier. Sie überraschen, irritieren oder brechen Erwartungen. Das ist so im Journalismus, in der Kommunikation, im Marketing.
Keine Sorge: Ich rate Ihnen nicht dazu, eklige Details in Ihr Storytelling einzubauen. Alten Kaffee wird Ihnen niemand abkaufen. Doch ich lege Ihnen ans Herz, Ihre Geschichten unkonventionell zu erzählen. So, dass Ihr Gegenüber innehält. Ein zweites Mal hinschaut. Und Ihnen das Wichtigste schenkt, das Sie bekommen können: Aufmerksamkeit.
Das leuchtet Ihnen theoretisch ein, aber es hapert mit der praktischen Umsetzung? Nun, dafür sind wir da: In unseren Storytelling-Kursen lernen Sie, wie Sie Menschen zum Weiterlesen, Zuhören oder Hinschauen bringen. Ob mit Video, Daten oder KI. Klassisch journalistisch. Speziell für Public Relations. Oder für Content Creation.
Ich bin mir sicher: Im Anschluss sind Ihre Stories alles, nur kein alter Kaffee.
Ihre Andrea Mertes, freie Seminarleiterin
„Krass, was KI alles kann.“ Das sagte jemand aus meinem engsten Umfeld, als ich ihm ein Fachbuch von mir zu lesen gab. Nicht: „Krass, das hast du geschrieben?“ Sondern: „Das muss der Christoph mit KI geschrieben haben. Wie sonst hätte er das sonst neben seinem Job schaffen sollen?“ Das hat wehgetan.
Schreiben, Musik komponieren und Wissen vermitteln – das sind meine Talente. Ich kann davon leben. Bis heute. Aber ich stelle mir inzwischen täglich die Frage: Wie lange noch? Was bleibt von mir, wenn Tech-Unternehmen diese Talente imitieren – und dann automatisieren? Ich bin fasziniert von KI, sage aber auch: KI entwertet gerade flächendeckend, worauf wir als Menschen früher stolz waren.
Die Zeit, die wir opfern mussten, um etwas zu schreiben – und sei es nur die WhatsApp-Nachricht an den verhassten Nachbarn –, war Teil des Werts. Dass jemand gerungen hat. Sich Gedanken machte. Nachts noch am Text saß.
Wir haben das Vertrauen verloren, dass andere eine schwierige Aufgabe noch ohne KI meistern können. Beispiel gefällig? Bei einem übersichtlich strukturierten Text denkt sofort jeder: „Das ist doch KI. In dem Newsletter-Text vom Seidl habe ich diese langen Bindestriche entdeckt. Da hat der sicher geprompted, der Faulpelz!”
Die hysterische Debatte um diesen Gedankenstrich – angeblich der ultimative KI-Indikator. Was für ein Blödsinn. KI-Systeme nutzen dieses Zeichen vor allem aus einem Grund: Weil sie Menschen länger im Text halten wollen.
KI kann inzwischen so vieles besser als wir. Leider. Und trotzdem: Wenn mein Name unter einem Text steht (so wie unter diesem Newsletter), dann habe ich ihn selbst geschrieben. Zwar langsamer. Aber zumindest war ICH es, kein Roboter.
Auch WhatsApp-Nachrichten tippe ich selbst. Überlege mir den Inhalt genau, achte auf die Rechtschreibung. Bei mir gibt es kein schnelles Einsprechen, das eine KI im Zweifel nur mäßig in Worte übersetzt. Weil ich meinem Gegenüber zeigen will: Du bist es mir wert. Vielleicht müssen wir uns im Journalismus genau dies fragen.
Nicht bloß: „Was können wir alles mit KI machen?“ Sondern: „Was machen wir bewusst nicht mit KI?“
Womöglich entsteht genau dort wieder ein Wert, den wir nicht automatisieren können.
Christoph Seidl, freier Seminarleiter ABP

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